Maria Schumacher wurde am 13.10.1889 in Herchen/Sieg als Tochter von Gottfried Schumacher geboren. Ihr Vater lebte bis zu seinem Tod in Herchen. Auch ihr Bruder, der Herchener Metzger Wilhelm Schumacher, genannt Willy, wurde in Herchen geboren und lebte bis zu seinem Tode in Herchen Die unverheiratete und kinderlose Maria wohnte mit ihrem Bruder zusammen in ihrem Elternhaus in Herchen, Hauptstr. 29 (später hatte das gleiche Haus die Hausnummer 33 an der Hauptstraße, jetzt Siegtalstr.). Das Haus ist Wand an Wand zum damaligen Gasthof der Familie Kölschbach (jetzt Siegtaler Hof).

Maria arbeitete in der Metzgerei ihres Bruders Willy. Das Ladenlokal war im Erdgeschoss, der Eingang war seitlich, links neben dem Eingang zum Gasthof. Vorne an der Straße sieht man heute noch den Eingang zum Wohnhaus. Wenn man hineinging, befand man sich vor einer Treppe, die zur Wohnung oben führte. 1919 stellte Willy Schumacher ein Baugesuch beim Bürgermeister von Herchen und beim Siegkreis zur Errichtung eines Schlachthauses mit Stall und Remise auf seinem Grundstück unterhalb des Brunnens, ein Stück weit hinter dem Siegtaler Hof. Der Bauantrag wurde genehmigt, auch wenn der Abstand von 3 m vom Nachbargrundstück nicht eingehalten werden konnte. Als Marias Bruder verstorben war, vermietete Maria die Metzgerei an den Metzger Fuhr.
1944 kam Maria Schumacher aus politischen Gründen in KZ-Haft. In ihrer Wiedergutmachungsakte von 1947 und 1956 wird als „unstreitiger Tatbestand“ ausgeführt:
„Aus ihrer gegen den Nationalsozialismus gerichteten Einstellung heraus hat die Antragstellerin gegenüber dem Mieter ihres Geschäftslokales geäußert, dass ihr Haus kein Bilderladen und auch kein Blumengeschäft sei. Diese Äusserung erfolgte, weil anlässlich eines nationalsozialistischen Gedenktages das Haus entsprechend geschmückt worden war. Im Verlaufe der auf diese offensichtlich gemachte Äusserung folgenden Massnahmen wurde sie am 5.4.1944 verhaftet.“
Zuerst wurde sie am 5.4.1944 in das Zuchthaus Rheinbach eingeliefert. Bei der Festnahme wurde bei ihr ein Betrag von 1.603 RM sichergestellt. Von dort wurde sie am 15.4.1944 nach Köln ins Gefängnis Klingelpütz verlegt und von da ins KZ Ravensbrück. Sie wurde am 4.7.44 im KZ eingeliefert und am 7.10.1944 aus dem KZ-Lager Ravensbrück nach Hause entlassen. Der bei der Festnahme sichergestellte Geldbetrag wurde ihr bei der Entlassung nicht zurückgegeben, sondern blieb im KZ. Später, nach der NS-Zeit vermietete sie das Ladenlokal an Fritz Schürmann, der einen „Krempelsladen“ eröffnete, wie ein Zeitzeuge uns berichtete. Danach folgte der Frisör Gelhausen, dann Frisör Brachthausen. Nach Marias Tod verkauften die Erben (Neffen und Nichten) das Haus an Familie Kölschbach, die im angrenzenden Gebäude die Gaststätte Siegtaler Hof betrieb und nun den Gastraum im Erdgeschoss erweitern konnte.
Infos zu den unmenschlichen Lebensbedingungen und zum Sterben im KZ Ravensbrück gibt es unter dem Link zur Bundeszentrale für politische Bildung https://www.bpb.de/themen/holocaust/ravensbrueck/60686/der-lagerkomplex-des-kz-ravensbrueck/ und auf der Website der Gedenkstätte Ravensbrück https://www.ravensbrueck-sbg.de/
Die Zeit im KZ hinterließ ihre Spuren auch bei Maria: Schaden an Freiheit, an Gesundheit, an Eigentum und Vermögen. Sie stellte 1949 einen Antrag beim Amt für Wiedergutmachung des Regierungspräsidenten Köln.
Maria Schumacher wurde 1947 als Verfolgte anerkannt, hat eine kleine Haftentschädigung erhalten und später (1956) für das ihr im Zuchthaus Rheinbach abgenommene Geld, welches von dort dem KZ Ravensbrück überwiesen worden war, umgerechnet nach der Währungsreform, DM 320,69 zurückerhalten. Doch sie behielt seelische und körperliche Schäden zurück. Sie war sehr hager und sah ausgezehrt aus. Außerdem hatte sie danach den Drang, täglich mit einem Staubwedel die Fassade ihres Hauses zu reinigen und war überhaupt ständig dabei, ihr Haus zu putzen. Sie soll jeden Tag eimerweise warmes Wasser hoch in die Wohnung getragen haben, um dort in ihrer Wanne zu baden.
Die Herchener Zeitzeugin Frau F. teilte mit uns ihr Wissen über die Verfolgung, Verhaftung und Entschädigung Marias, und berichtete auch, dass Maria nie über die Zeit im KZ erzählt habe. Wer Maria bei der Polizei oder der NSDAP angezeigt hatte, ist uns nicht bekannt. Durch unsere Recherchen in Archiven zu den Entnazifizierungsakten erfuhren wir, dass Maria Schumacher nach dem Krieg in den Entnazifizierungsausschuss von Herchen berufen worden war.
(Quellen: Standesamt Windeck, Kaufvertrag Eheleute Kölschbach mit Erben der Fam. Schumacher, Bauantrag aus Archiv Rhein-Sieg-Kreis, verschiedene Zeitzeugen, Archiv NS-Dokumentationszentrum Köln, Arolsen-Archiv)
Der 67. Stolperstein in Windeck wird voraussichtlich im Oktober 2026 von Gunter Demnig in Herchen verlegt. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ (Gunter Demnig)
Wer weitere Informationen oder Fotos zur Familie der Maria Schumacher, auch zu ihrer Mutter, oder zu anderen Verfolgten des NS-Regimes beisteuern kann, meldet sich bitte bei AWO-OV Windeck e.V.
Anne Röhrig, Tel. Windeck 3822, annemarie.roehrig(at)gmx.de
Raimund Weiffen raimund.weiffen(at)t-online.de
Richard Suhre suhrerichard8(at)gmail.com
(Text & Bild: Annemarie Röhrig)






