AWO-OV Windeck e.V. / Zeitzeugenforum Windeck
Stolperstein Nr. 68
Wer erinnert sich an Wilhelm Schmidt?
Wilhelm Schmidt kam am 30.9.1908 in Obernau bei Rosbach/Sieg als Sohn von Landwirt August Schmidt und seiner Frau Katharina geb. Heuser zur Welt. Er hatte 3 Brüder und 3 Schwestern. In Flammersfeld heiratete er 1935 Margarethe, genannt Martha, mit der er 2 gesunde Kinder, einen Sohn und eine Tochter, hatte. Die Familie wohnte in Obernau, Dorfstr. 7, heute Hegelstr. 21. Wilhelm Schmidt litt als Jugendlicher an Gelenkrheumatismus. Er war Arbeiter und Landwirt ohne Ausbildung.
Zeitzeug:Innen berichten uns: „In Obernau war der Baptist Wilhelm beliebt. Er fuhr mit seinem Ochsenkarren für die Leute im Dorf, pflügte mit dem Ochsen deren Kartoffel- und Weizenfelder. Auch die Kinder der Obernauer Sonntagsschule fuhr er bei einem Ausflug zu einer anderen Schule auf dem großen Wagen mit dem Ochsen.“ „Bei Veranstaltungen der Baptisten hat Wilhelm Schmidt Geige gespielt. Nach dem Krieg hat Frau Schmidt den Raum an die Baptisten für Veranstaltungen vermietet.“
Weitere Zeitzeug:Innen berichten: „Auch nach dem Krieg ging ich und später auch meine Tochter in dem Haus seiner Witwe zur Sonntagsschule. Da gingen fast alle Kinder aus dem Dorf hin, mehr aber die evangelischen.“„Er war ein gesunder und kräftiger Mann. Er hat keinem was zuleide getan. Ich habe ihn als Kind gekannt. Wir Obernauer Kinder gingen immer zur Sonntagsschule in seinem Haus. Später hat seine Frau auf dem Feld und mit den Kühen gearbeitet. Die waren ganz arm“. In der Wiedergutmachungsakte wird vermerkt, dass der Ertrag der kleinen Landwirtschaft von Frau Schmidt mit 60 DM monatlich anzusetzen sei.
Seine Frau stellte 1954 den Entschädigungsantrag aufgrund des Bundesergänzungs-gesetzes zur Entschädigung für die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung und gab an, „daß ihr Ehemann wegen seiner Zugehörigkeit zur Baptistengemeinde gegen den Nationalsozialismus eingestellt gewesen sei und diese Einstellung offen bekannt gewesen wäre.“ Sie berichtete, dass ihr Mann dann 1939 nach einem leichten Nervenzusammenbruch vom Hausarzt in die Nervenklinik Köln (Lindenburg) zur Untersuchung eingewiesen wurde. Vor dort wurde er dann mit der Diagnose „Schizophrenie“ in die Heil- und Pflegeanstalt Bonn eingeliefert. In der Akte heißt es zur Begründung: „er zeigt gewisse Manieren. So betont er einzelne Worte in eigenartiger Weise, z.B. Politiker…Selbst, wenn man ihm sagt, er sei geisteskrank, lächelt er nur und nimmt keine Stellung dazu.“ Wilhelm wurde vom 10.5.39 bis zum 24.8.39 in Bonn festgehalten und dann nach Hause entlassen. Während des Aufenthaltes in Bonn wurde er vom Assistenzarzt Dr. Burkert „gemäß der Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ angezeigt, an Schizophrenie zu leiden. Seine „Sippentafel“ wurde angefordert, worauf er auf Antrag von Dr. Geller und nach Beschluss des „Erbgesundheitsgerichtes“ Bonn von dem Arzt Kr…? in der Chirurgischen Klinik am 3.8.39 wg. angeblicher Schizophrenie zwangssterilisiert wurde. Die Entscheider des Erbgesundheitsgerichtes waren hierbei Amtsgerichtsrat Lepique, Med. Rat Dr. Herberg und Facharzt Dr. Vorländer.
Während dieses Aufenthalts in Bonn wurde am 14.07.1939 auch die Karteikarte aus gelbem Papier und rotem Schriftdruck mit Wilhelms Daten und angeblichen Krankheiten ausgefüllt, die an die Entscheidungsträger für die Patientenmorde geschickt wurde: Es folgte durch die beauftragten „Euthanasieärzte“ nach der Entscheidung eine geheime Kennzeichung durch ein rotes Kreuz, wenn entschieden wurde, dass dieser Mensch getötet werden sollte. Bezeichnend für die Verlogenheit der NS-Ärzte ist, dass sie im Verfahren nach dem Gesetz „zur Verhinderung von erbkrankem Nachwuchs“ die Diagnose Schizophrenie zur Rechtfertigung der Zwangssterilisation benutzten, obwohl Schizophrenie gar nicht als Erbkrankheit galt und auf Wilhelms „Sippentafel“ niemand außer ihm die angebliche Diagnose „Schizophrenie“ hatte.
Im April 1942 wurde Wilhelm erneut in die Heil- und Pflegeanstalt Bonn eingeliefert. Von dort wurde er am 30.05.1943 unter Mitgabe seiner sämtlichen Krankenakten in die „Heil- und Pflegeanstalt Andernach“ deportiert, wo unter „Diagnose“ vermerkt wurde „von Bonn gekommen“. Da wussten scheinbar alle bescheid, dass dieser Mensch getötet und nicht medizinisch geheilt werden sollte. (Quelle: Landeshauptarchiv Koblenz). Am 2. August 1943 ging ein Transport aus Andernach mit 160 von den „Euthanasie“-Ärzten zum Sterben bestimmten Menschen, einer davon war Wilhelm Schmidt, nach Lüben in Schlesien (heute polnisch Lubin). In der Liste „Nachweisung der am 4.8.1943 von der Anstalt Andernach/Rheinland übernommenen 120 männlichen Geisteskranken“ ist Wilhelm Schmidt ebenfalls aufgeführt. Lübener „Patienten“, die ermordet werden sollten, wurden in speziell dafür vorgesehene Einrichtungen, z.B. in die Psychiatrie Waldheim/Sachsen überstellt. Der Frau von Wilhelm Schmidt wurde aber (nicht glaubhaft) mitgeteilt, dass ihr Mann am 27.3.1944 in Lüben an einer Lungen-Tbc verstorben sei. Da waren seine beiden Kinder 7 und 8 Jahre alt.
Der Entschädigungsantrag von Frau Schmidt für den behördlichen Mord an ihrem Mann wurde 1957 wie bei allen uns bisher bekannten Patientenmorden aus Windeck endgültig abgelehnt. Viele der Täter waren da noch in „Amt und Würden“.
(Quellen: Archiv Rhein-Sieg-Kreis, Landeshauptarchiv Koblenz, verschiedene Zeitzeugen)
Der 68. Stolperstein in Windeck wird voraussichtlich im Oktober 2026 von Gunter Demnig in Obernau verlegt. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ (Gunter Demnig)
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Anne Röhrig, Tel. Windeck 3822 annemarie.roehrig(at)gmx.de
Raimund Weiffen raimund.weiffen(at)t-online.de
Richard Suhre suhrerichard8(at)gmail.com
(Text & Bild: Annemarie Röhrig)







