Karl Weber kam am 21.12.1896 in Kohlberg bei Rosbach als Sohn von Leonhard Weber, geb. 1862, und Lisette Weber, geb. Brück aus Holpe, zur Welt. Sein Vater war Schmied in Kohlberg und starb im Jahr 1922.
Karl hatte 9 Geschwister: Die Schwestern Anna und Minna waren Zwillinge und starben 1909 im Alter von ca. 7 Jahren an Masern. Der Bruder Peter fiel 1918 im ersten Weltkrieg.
Karl selbst erlitt im 5. Lebensjahr eine Lungenentzündung und geriet im Jahr danach mit 3 Fingern in die Futterschneidemaschine: dadurch versäumte er 6 Monate die Schule. 1917, beim Militär, zog er sich eine Hautkrankheit zu.
Er heiratete 1920 und hatte mit seiner Frau Johanna Weber geb. Alefsen aus Dattenfeld 8 Kinder, von denen eines 2 Tage nach der Geburt starb. Da Karl in Bitzen in der Grube gearbeitet hatte, vermutlich direkt nach der Schulzeit mit ca. 15 Jahren, und sich dabei eine Steinstaublunge zugezogen hatte (früher mussten die Männer in der Grube ohne Atemschutz arbeiten), war er seit ca. 1926 Invalide. Der Bergmannsberuf war damals sehr ungesund: viele Bergleute, die „Unter Tage“ gearbeitet hatten, erkrankten an Staublunge und starben früh. In der Grube wurde Spateisenstein abgebaut und geröstet.
Im selben Jahr hatte er wegen eines Hautleidens im Wissener Krankenhaus gelegen. Er konnte nicht mehr arbeiten und bezog nur eine kleine Invalidenrente: 48 RM Knappschaftsrente und 55 Reichsmark Sozialrente.
Karl ist nie mit dem Strafgesetz in Konflikt gekommen, war kein Alkoholiker und es lag kein Mißbrauch von sonstigen Rauschgiften vor. Daraus schloss der untersuchende Arzt in Siegburg, dass er ein angeborenes Leiden hätte. Er hatte eine leichte Kyphose (Rundrücken), die damals viele Menschen aufgrund der schweren Arbeit im jugendlichen Alter und der gebückten Haltung bekamen.
Aufgrund einer mündlichen Mitteilung von Dr. Molly aus Dattenfeld, dass er Karl Weber verdächtige, an angeborenem Schwachsinn zu leiden, wurde vom Gesundheitsamt des Siegkreises durch Medizinalrat Bange am 24.1.1935 eine schriftliche Anzeige gemäß der „Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ gegen Karl Weber gestellt mit der gleichzeitigen Anfrage, ob auch seine Frau an Schwachsinn leide. Gut 2 Monate später ergänzte die Fürsorgeärztin der Kreisverwaltung die Anzeige mit der Angabe, dass Kinder von Karl Weber in einer Idiotenanstalt seien. Bei Intelligenztests in Siegburg wurde festgestellt, dass seine Frau durchschnittlich intelligent war und Karl selbst nur eine Lernschwäche hatte. Der Arzt stellte fest, dass der Proband „örtlich und zeitlich vollkommen orientiert“ war und schreibt: „weigert sich dauernd, bei der Exploration Antwort zu geben, mit der Begründung, er habe es nicht nötig zu antworten, weil er schon lange aus der Schule sei“. Die Diagnose des Amtsarztes lautete: „Angeborener Schwachsinn mässigen Grades mit stark erblicher Durchschlagskraft.“
Der Medizinalrat schickt dann eine vertrauliche Mitteilung an den Bürgermeister in Rosbach und der wieder an den Polizeihauptwachtmeister Latter, um sich die Personalien von Karl Weber bestätigen zu lassen und sich nach weiteren Auffälligkeiten der Familie Weber zu erkundigen. Der Amtsbürgermeister schreibt ihm am 14.3.1936 zurück, dass Karl Weber geistig minderwertig sei und ergänzt, dass angeblich noch 3 von 4 Geschwistern des Karl Weber als geistig minderwertig zu bezeichnen seien und bittet um baldigste Einleitung des Antrages auf Unfruchtbarmachung. Als Karl nach Siegburg zur Untersuchung kommen soll, schreibt er an das Gesundheitsamt, dass er nicht in der Lage sei, die Kosten für die Fahrt nach Siegburg aufzubringen, und er bittet darum, ihm das Fahrgeld zukommen zu lassen, was dann auch geschah. Im amtsärztlichen Gutachten wird vermerkt und unterstrichen: „Der Untersuchte ist als geschäftsfähig zu betrachten.“
Im November schreibt Karl an das Kreis-Gesundheitsamt: „Da ich am 12. November am Gesundheitsgericht erscheinen muss. Bitte ich Sie, mir ein Vorschuss anweisen zu lassen. Dass ich derart schlechte Schuhe habe, um dorthin zu kommen. Dieses kann ich gelegentlich nachreichen.“ Ob er Geld für Schuhe bekommen hat, steht nicht in der Akte. Aber am 12.11.1936 beschließt das Erbgesundheitsgericht Bonn bei seiner Anwesenheit im Amtsgericht Siegburg „im Namen des Deutschen Volkes!“, dass „der Invalide Karl Weber“ unfruchtbar zu machen sei.
Der Rosbacher Hausarzt Dr. Seefeldt schrieb in seinem Bericht: Karl Weber habe 7 Kinder, davon seien fünf anscheinend geistig gesund, nur Helena habe angeborenen Schwachsinn gehabt und Franz sei gänzlich schwachsinnig gewesen. Den Vater Karl Weber hielt er für geistig nicht krank, denn er sei ersichtlich nur gering beschränkt.
Doch als Karl Weber am 5.1.37 beim Finanzamt Waldbröl einen Antrag auf Gewährung von Kinderbeihilfe stellt, wird der Antrag von der Gemeindebehörde in Rosbach „abgelehnt mit der Begründung, das es sich bei Weber um eine ausgesprochen erbkranke Familie handele. Die ganze Familie sei geisteskrank“. Dies war nicht nur diskriminierend und ungerecht – heute werden gerade Familien mit behinderten Kindern unterstützt – sondern auch gelogen, da der befragte Lehrer aus Holpe die Kinder, die bei ihm in der Klasse waren, teils als durchschnittlich und teils als unterdurchschnittlich begabt, aber nicht als geisteskrank beurteilt hatte. Alle katholischen Kinder aus Kohlberg wurden damals in der Schule in Holpe, Kreis Morsbach, der nächsten katholischen Schule, eingeschult und mussten täglich zu Fuß nach Holpe und zurück laufen. Die Zwangssterilisierung des Karl Weber wurde am 23.3.37 durchgeführt.
Karls Tochter Helene lebte seit Jahren im St. Vinzenshaus in Kerpen/Erft und war 18 Monate nach der Anzeige von Dr. Molly beim Gesundheitsamt des Siegkreises am 27.7.1936 – für die Eltern überraschend – gestorben, ohne Angabe einer Todesursache durch die Anstalt. Hier liegt der Verdacht nach einer Maßnahme der sogenannten wilden Euthanasie nahe, durch Visiten von Ärzten, die nicht unbedingt der Einrichtung oder Klinik angehörten, sondern von der Behörde geschickt wurden, die Schwestern aus dem Zimmer wiesen und heimlich eine Giftspritze verabreichten, z.B. mit überdosiertem Luminal o.ä. Denn den Eltern von Helene wurde vorher und nachher keine Krankheit gemeldet, die lebensbedrohlich gewesen wäre und zu ihrem Tod hätte führen können.
Karls Sohn Franz soll laut Polizeihauptmeister Marenbach hilflos gewesen sein, an Knochentuberkulose gelitten haben und im kath. Krankenhaus in Morsbach stationär untergebracht gewesen sein; an anderer Stelle der Akte ist von Schwachsinn die Rede. Franz hatte in den Erbgesundheitsakten also mal diese und mal jene Diagnose bzw. Krankheit. Er starb im Morsbacher Krankenhaus laut Eintrag im Sterbebuch des Standesamtes am 3.9.1940 angeblich an „angeborener Idiotie-Wasserkopf-Epilepsie“: Dies ist ja die Bezeichnung einer Behinderung/Krankheit und nicht einer direkten Todesursache und wurde in der Erbgesundheitsakte auch nirgendwo erwähnt. Die Krankenakte von Franz wurde im Sept. 1936, als er noch lebte, vom Erbgesundheitsgericht mit äußerster Dringlichkeit angefordert und von der Verwaltung des „Krankenhauses Maria“ in Morsbach an der Sieg dem Erbgesundheitsgericht in Siegburg zugesandt, und zwar mit der Bitte, „nach Einsicht der Akten, dieselben sofort wieder nach hier zurück zu senden“.
Karls Schwester Amalie Weber, die seit einigen Jahren in der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau lebte, wurde vom Siegburger Amtsarzt am 15.1.37 zwecks Begründung der Ablehnung von Kinderbeihilfe für Karl Weber, der erbkrank sei, an das Finanzamt gemeldet. Amalie wurde bald darauf in die Zwischenanstalt Galkhausen verlegt, von da über Altscherbitz deportiert und in einer der Tötungsanstalten in Sachsen ermordet.
(Quellen: Standesamt Windeck, Archiv Kath. Kirche, Standesamt Morsbach, Archiv Rhein-Sieg-Kreis, Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Archiv Landschaftsverband Rheinland, Verwandte der Familie)
Der 69. Stolperstein in Windeck für Karl Weber wird voraussichtlich am 16. Oktober in Kohlberg mit weiteren Steinen verlegt. Die Patenschaft für diesen Stein ist schon reserviert.
„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Gunter Demnig
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(Text & Bild: Annemarie Röhrig)







